MAZ 09.06.2004
Das Spinnerdorf Friedrichs II. Ein Vierteljahrtausend Philippsthaler Geschichte
JOSEF DRABEK
PHILPPSTHAL In diesem Monat begeht das Straßendorf zwischen Güterfelde und Saarmund seinen 250. Geburtstag - Grund für Philippsthaler und Gäste, eine Woche zu feiern. Dabei wird seine Geschichte eine große Rolle spielen.
Sie begann mit der demographisch relevanten Kolonisation unter Friedrich II. (1740-1786) zur allgemeinen "Peuplierung" und Ansiedlung von Fachleuten. Philippsthal war eins von neun Wollspinnerorten, deren Bewohner Berliner Manufakturen mit Garn beliefern sollten. Der neue Ort entstand auf königlichem Grund und Boden in der Niederheide an der Handelsstraße nach Spandau, nahe der durch Biberbauten angestauten, schiffbaren Nuthe.
Der Name des Dorfes in der Talniederung ist wahrscheinlich Markgraf Philipp Wilhelm von Schwedt geschuldet. Schwedt war Sekundogenitur der Hohenzollern, und der Markgraf hatte sich bei Siedlungsmaßnahmen im Oderbruch verdient gemacht. Möglicherweise sollte dies mit der Namensgebung gewürdigt werden. Amtlich wurde sie mit der Erbverschreibung Friedrich II.: "... ist unterm Amte Saarmund ... ein neues Dorf von 50 Familien zu erbauen ... welches Wir den Namen Philippsthal gegeben haben."
Es gehörte zu den Projekten des Kriegs- und Domänenrates Pfeiffer. Dieser hatte dem Kammerdiener des Königs, Anderson, eine "Seigneurie" versprochen, wenn er sich für Pfeiffer einsetzt. Als Strohmann Andersons für das Schulzenamt fungierte sein Cousin Wiedemann, dem als gedientem Militär Chancen eingeräumt wurden. Die Bauarbeiten übernahm Pfeiffers Schwager, Oberamtmann Stropp, der dabei erhebliche Materialmengen abzweigte. Pfeiffer konnte sein Vorhaben allerdings nicht selbst vollenden, weil er wegen Korruption verurteilt wurde.
1754 entstanden um den Teich ein Karree, gegenüber das Schulzenhaus und entlang der Straße drei Brunnen. Für die 50 Spinnerfamilien baute man 25 breitseitige, einstöckige, schilf- oder strohgedeckte Fachwerk-Doppelhäuser mit gemeinsamem Rauchfang für die getrennte Schlotküche. Jede Familie erhielt je einen Morgen Gartenland und Wiese sowie eine Kuh, war von Abgaben und Leistungen befreit. Dafür musste sie monatlich zwei Pfund versponnene Wolle an einen Berliner Verleger abliefern. Das geschah über den Schulzen, der Rohwolle besorgte, die Kolonisten beaufsichtigte und die Verwaltung regelte. Pro Pfund erhielten die Spinner zehn Groschen, wovon sechs Pfennige einbehalten wurden. Abgaben- und Leistungsfreiheit änderten sich bald, so dass es zu Beschwerden kam. Eine Eingabe richteten die Kolonisten aus "Fielliebstall" sogar direkt an den König.
Im Gründungsjahr stellte dieser auch die Schenkungsurkunde für ein zinspflichtiges Domänengut als Mittelpunkt einer anzulegenden Maulbeerplantage für die Seidenraupenzucht aus "Friedrichs Huld" war ein zweistöckiges, herrschaftlich eingerichtetes massives Haus mit Seitengebäuden und Park. Erster Eigentümer war Feldpropst Decker, der an der Spitze des preußischen Kriegskonsistoriums stand. Die Seidenraupenzucht auf der Deckerschen Plantage misslang, weil die Maulbeerbäume das Klima nicht vertrugen. Wegen der Erbverschreibung mussten die Eigentümer aber den Baumbestand halten, woran viele Nachfolger scheiterten.
Durch nachlassende Nachfrage nach Wollgarn und misslungene Seidenraupenzucht erlosch das Interesse an Philippsthal. Daher wurde die separate Schule erst 1902 und die versprochene Kirche erst 1904 gebaut. Inzwischen hatte der Ort auf landwirtschaftliche Produktion umgestellt und war ein Bauerndorf mit stattlichen Gehöften geworden.
Die spätere Landgemeinde, seit kurzem Ortsteil der Großgemeinde Nuthetal, feiert mit einem Festgottesdienst am 13. Juni in der renovierten Kirche, dem Tag der offenen Tür im restaurierten Haus "Friedrichshuld" am 18. Juni, einem Festumzug am 19. Juni und weiteren Veranstaltungen ihr 250-jähriges, ereignisreiches Bestehen.